Große Reibn

Die Große Reib'n in vier Tagen
- eine einsame Tour durch traumhafte Landschaften

Die große Kniescheiben-Reib'n
- oder: unverhofft kommt manchmal später

Der Traum von der Umrundung des Königssees auf Tourenski hat uns schon länger umgetrieben.
Nach einem ersten Versuch letztes Jahr das Ganze als organisierte Tour in Angriff zu nehmen hat es dieses Jahr trotz schlechter Vorboten doch noch geklappt.

Eine lächerliche Computerstimme von der Telekom fordert mich durch meinen Telefonhörer hartnäckig auf, laut und deutlich irgendwelche Fragen zu beantworten. Von draußen dröhnt der Straßenlärm. Im Radio Dauerfeuer durch Werbespots, als öffentlich-rechtlicher Beitrag zur Volksverblödung. Der Alltag, oder besser gesagt, der ganz normale Wahnsinn hat mich längst wieder eingeholt, obwohl ich ihm doch für knapp vier Tage entwischen konnte.

Erst gestern Abend habe ich müde, glücklich und zufrieden den Schlüssel in das Schloss meiner Haustür gesteckt. Zurück von meiner kleinen Flucht in eine andere Welt. Ich meine nicht diese Art von Ausflügen in fremde Länder, die man im Reisebüro bucht und nicht selten in einer vollklimatisierten Kabine einer Boeing beginnt. Nein, ich meine eine Welt, die eigentlich schon fast hinter dem eigenen Gartenzaun anfängt.

Sie zu entdecken ist sehr einfach und sehr günstig.

Alles was man dazu braucht ist eine Skitourenausrüstung und die paar Sachen im Rucksack, die den Menschen letztendlich glücklich machen. Etwas zu trinken und zu essen, eine Jacke und einen Schlafsack gegen die Kälte.

Es geht in erster Linie darum, mit jedem Schritt Neuland zu entdecken, ohne zu wissen, was der Tag genau bringt und wie genau das nächste Nachtquartier aussehen wird.

Die Betonung liegt auf langsam, ein Begriff, der auch von uns erst wieder neu entdeckt werden muss. Vollgas auf deutschen Autobahnen, Datentransfer durch Highspeed-Leitungen oder Fastfood vom Pizzaflitza. So sieht das Alltagstrauma aus, unter dem die meisten von uns leiden. Gehen oder besser gesagt weit gehen ist wahrscheinlich die beste Medizin dafür. Die langsamste aller Fortbewegungsarten als Heilmittel, um wieder zu sich selbst zu finden.

Freitag, 02.03.2018 
Treffpunkt 08:00 Uhr bei mir vor der Tür - Stefan, Wolfgang und ich - der andere Stefan musste leider wegen Knieproblemen passen - kurzfristige Entscheidung, dass wir die Schlafsäcke für eine evtl. Übernachtung auf der Wasseralm mit einpacken.
Die Anreise mit Wolfgangs Auto über die sehr volle Salzburger Autobahn verlief trotz allem mit dem Ziel vor Augen entspannt ab. Geplant war die Umrundung innerhalb von drei Tagen zu schaffen und den Montag noch als Puffertag in Reserve zu haben, was sich im Nachhinein als weise Entscheidung herausstellen wird.
Abstellen des Autos an der Wimbachbrücke,  Busfahrt nach Berchtesgaden und über die geschichtsträchtige Kehlsteinstrasse bis in die Nähe des Parkplatzes Hinterbrand. Aufstieg über die Großbaustelle Jenner, wo die komplette Infrastruktur zurzeit erneuert wird. Vorbei an Baukränen, arbeitslosen Schneekanonen und über geräumte Baustraßen bis zum Carl-von-Stahl-Haus. Nette Gruppe von drei Rosenheimer(innen) mit am Tisch - Gamsbraten und Kaiserschmarrn bis zum Abwinken; fränkisch-bayrische Schafkopfrunde bis zur Hüttenruhe; draußen leichter Schneefall und Sturm.

Samstag, 03.03.2018
Ein unentspanntes Aufstehen um 05:45 Uhr - schnelles Frühstück und Aufbruch in eine aufklarende Morgenstimmung. Am Schneibstein noch ein letzter Kontakt zu einer anderen Gruppe - die Rosenheimer waren schon über alle Berge und am Horizont fast nicht mehr wahrnehmbar.
Ab hier werden wir bis zur Hütte völlig alleine unterwegs sein. Wir sind aber dankbar, dass durch diese grandiose Landschaft aus Karst Buckeln und Gipfeln jemand vor uns eine Spur gelegt hat.
Aufstiege und kurze Abstiege wechseln sich ab - ständig neue atemberaubende Ausblicke - blauer Himmel, Sonnenschein - die Felle schleifen über den Pulverschnee - ansonsten Ruhe.
Hinter dem nächsten Joch erstreckt sich die nächste Hochebene und der gefürchtete Eisgraben will nicht kommen - die Zeit verrinnt und es wird langsam klar, dass die in der Tourenbeschreibung genannten 25 km und 2.400 hm an diesem Tag für uns nicht bei Tageslicht zu schaffen sind.
Stefan bekommt Knieprobleme. Einfahrt Eisgraben mit dem Versuch von Wolfgang die Direttissima zu nehmen - Abbruch in eine ca. 80 m Wand - steile Abfahrt mit dem noch steileren Durchschlupf, für den wir unsere Steigeisen aber nicht auspacken müssen.
Nachdem es schon deutlich nachmittags ist verkürzen wir die zweite Etappe auf knapp 20 km und 1300 hm - Winterraum auf der Wasseralm - tief eingeschneit bis zur Dachrinne - Schnee schmelzen - später Besuch von drei Berchtesgadner(innen) mit Zugang zu den alkoholischen Getränken. Neidisch beobachten wir, wie sie Steaks und Spießbraten dazu Kartoffelsalat und verschiedene andere Köstlichkeiten vertilgten. Bier zum Abendessen. Trotz gewichtsreduzierter Essensvariante hatten aber gefühlt doch noch sehr schwer zu tragen.
Tiefer Schlaf in eiskaltem Nachtlager.

Sonntag, 04.03.2018
Wieder Schnee schmelzen - Frühstück - Gewichtsvergleich mit den Karbonrennski der anderen Drei, die deutlich zu Ungunsten von Stefans Material ausfiel. Direkter Aufstieg von der Wasseralm auf den Funtenseetauern über den unsonnigen Winkel - wieder atemberaubende Landschaft, Sonne, totale Stille. Der Baumeister Wind hinterlässt überall seine Spuren. Gipfelglück und steile Abfahrt über Pulverschnee zum kältesten Punkt Deutschlands am Funtensee - der Busfahrer hat uns noch berichtet, dass am Mittwoch vorher dort die tiefste Temperatur des Jahres 2018 gemessen wurde: unter -40°C - wohlverdientes Abendessen. Stefans Knie werden nicht besser - Überlegung über die Saugasse abzufahren und mit dem Schiff zurück nach Königssee.

Montag, 05.03.2018
Stefan beißt - Fortsetzung der geplanten Tour - Ingolstädter Haus - Hundstodgatterl - wieder dieselben Versatzstücke wie am Vortag - Sonne, Berge, Schnee und totale Einsamkeit - steile Querung - eine der wenigen Traumabfahrten - Aufstieg oberhalb des Loferer Seilergrabens durch eine Landschaft, die ein wenig an Kanada erinnert. Gipfelrast mit leiser Anspannung was uns auf den nächsten Metern erwartet.
Zuerst über einen Idealhang dann Einfahrt in den Hang oberhalb des Loferer Seilergrabens - Stefans Bedenken wegen. der Abfahrt wurden von Meter zu Meter kleiner - der Hang steilt immer mehr auf und verschwindet - doch glücklicherweise aufgrund des weichen Schnees wird auch diese Stelle gemeistert.
Uns fällt ein Stein vom Herzen - durch das Wimbachgrieß mit großen Schwüngen können wir nahezu bis zum Auto an der Wimbachbrücke abfahren.

Die Zivilisation hat uns wieder und erfüllt von Glück und Dankbarkeit treten wir die Heimfahrt an.
Große Reibn wir sehen uns hoffentlich bald wieder.
Oder wie der Franke zu sagen pflegt – da ham die Deppn wieder Ihre Tage ghabt.

Bilder: 1+ 2 Stefan; 3, 4, 5, 7 + 8: Horst; 6: Wolfgang
Text: Horst Herzog