Skihochtour im Wallis: Dem Himmel ganz nah

Skihochtour im Wallis (27.03. - 03.04.2019): 
Dem Himmel ganz nah

Eine Bergsteigergruppe des Alpenvereins Altdorf realisierte eine Skihochtourenwoche in Eigenregie auf Basis der Walliser Skidurchquerung „Tour du ciel“.  Dem Himmel ganz nah ging es in 6 Tagen westlich von Zermatt, entlang des Mattertals über hohe Pässe und Gipfel bis 4153m nach Norden Richtung Rhonetal.
Die Tour musste die letzten 4 Jahre wegen unbeständigen Wetters an den geplanten Terminen in andere Regionen verlegt werden. Umso erfreulicher war diesmal die lange Schönwetterperiode.

So ging es bereits am Anreisetag bei strahlendem Wetter vom Zermatter Skigebiet aus am Fuß des Matterhorns entlang zur Schönbielhütte. Wie die meisten bewarteten Bergsteigerhütten bietet sie Nachtlager und Verpflegung mitten in der Bergwelt. Komfort in Form von Wasser, Abwasser fehlen allerdings völlig, weitere Zivilisations-Errungenschaften wie Strom, Licht, Wärme, Telefon, Internet sind auch bei Helikopterversorgung und Photovoltaik höchstens minimal zu realisieren. Hier freut und trifft man sich am einen kleinen Bollerofen bei LED-Licht in der Stube. Hüttenwirtin Andrea und die schweizer Gruppe waren wichtige Informationsquelle über Bedingungen, Wettervorhersagen und Routeneinschätzung.
Um 5:30 Uhr einfaches Frühstück, anschließend im Stirnlampenstrahl Kletterzeug und Skiausrüstung anlegen - das meiste davon direkt am Körper, um es ohne Rucksacköffnung sofort parat zu haben. Doch halt - zuvor noch der obligatorische Besuch von „Herzhausen“, hier zwei windschützende Granitkabinen ca. 20 m vor der Hütte: eine einfache Sitzmöglichkeit über der Öffnung - auch hier geht’s minimalistisch zu. Maximal war allerdings die Aussicht bei beginnender Morgendämmerung auf die Seracs und Eisflanken direkt gegenüber unter dem Felskamm des Dent d‘Herens (4171 m) - da blieben vor Ergebenheit der Mund und die Tür offen!
Die steile Abfahrt nach sternklarer Nacht auf harschigem Schnee war erwartungsgemäß hart aber problemlos. Dann wurden Felle unter die Skier gezogen und mit Harscheisen flankiert, um den Steilaufschwung ohne seitliches Abrutschen zu bewältigen. Die Sonne kitzelte bereits die Bergspitzen der zahlreichen 4000er und wärmte damit auch zusehends die Farben des Himmels - die Bergsteiger wärmte eher der hohe Puls in der dünnen Luft. Allerdings gabs zahlreiche Unterbrechungen für Fotos der Traumkulisse, die sich stetig mit Perspektive und Lichtverhältnisse veränderte. So verlief der Aufstieg zum Arbenhorn (3744 m) gemächlich, doch am Ende steilte er zunehmend auf, so dass Eispickel und Steigeisen zum ersten Einsatz kamen. Dort oben ging der Blick über Monte-Rosa-Massiv, Mischabel-Gruppe bis zum Weisshorn, das die Gruppe den weiteren Weg begleiten sollte.
Die Sonne hatte den Harsch inzwischen aufgefirnt, so dass die Abfahrt zum Col Durand inmitten der weiten Gletscherlandschaft ein Genuss war. Die Weiterfahrt wurde allerdings zunehmend steiler und unübersichtlicher und endete schließlich in einer 50 m Eisflanke - die Schneehöhe war dieses Jahr in der Region nur gering. Da dort an Skifahren nicht zu denken war, wurden Ski und Stöcke am Rucksack befestigt, Pickel und Steigeisen angelegt und mit Eisschrauben eine Abseilstelle eingerichtet. Unten angekommen wurde dann wieder auf Skifahren umgerüstet und der schattseitige Durand-Gletscher konnte sogar im Pulverschnee genossen werden.
Im Gegensatz zu den aus dem Mattertal erreichbaren deutschsprachigen Hütten, sind die aus dem Zinaltal (ausschließlich) französisch.

Aber auch dort auf der Cabane du Mountet gelang die Verständigung und so wurde frühmorgens ein empfohlener Umweg über den Südgrat des Blanc de Moming (3644 m) gestartet. Die teilweise ausgesetzte Blockkletterei (Schwierigkeit ZS+) musste nur für Einzelne zwischengesichert werden.
Die anschließende Traumabfahrt über 1500 Hm im Pulverschnee, vorbei an Gletscherbrüchen ging bis in den Talgrund. Von dort konnte der Gegenanstieg zur Cabane d‘ Arpitettaz bei Sonnenschein im T-Shirt genossen werden.

Am nächsten Tag wurde die Verbindungsetappe zur Cabane de Tracuit erweitert um Anstieg und Abfahrt des Weisshorngletschers.
Wer meditatives Gehen oder Schweigeseminare schätzt, sollte mal so eine Etappe unternehmen: alle Gedanken an Arbeit und Zuhause sind dort im Dauerfunkloch belanglos und verschwinden mit der Zeit von selbst. Man wird beschäftigt mit intensiver Wahrnehmung, um möglichst ökonomisch einen Weg zu setzen und immer wieder Balance zu finden, abhängig von Schneezustand, Hangneigung und Geländeform. Bei dann rhythmischem Surren der Steigfelle verändert sich in der weitläufigen Landschaft nur wenig - mehr Entschleunigung geht kaum. Wer möchte kann wahrnehmen, ob die Skier gerade auf  tragenden Harsch aufsetzen oder ihn wie ein Eisbrecher im Nordmeer in Schollen aufbrechen, oder gerade den Pulverschnee wie mit Messerklingen abkanten.
Dabei spürt man die Freiheit förmlich - meist ist man einsam unterwegs, hat alles Erforderliche für den Tourentag dabei, nicht mal der Wegverlauf ist vorgegeben - auch wenn ihn die meisten harmonisch, d.h. gleichbleibend steil ins Gelände treten. Selbst die Abfahrten kann man je nach Laune und Risikobereitschaft frei wählen. Das hat Suchtpotential.
Nach so einer Pulverabfahrt folgte der Gegenanstieg, der trotz brennender Sonne besser mit Harscheisen zu bewältigen gewesen wäre. Andere Bergsteiger kamen am Hüttenhang sogar mit Eispickel entgegen.

Die neu errichtete hochmoderne Cabane de Tracuit war Samstag mit 100 Personen voll besetzt - fast alle nutzten das schöne Wochenende für die Besteigung des wenig schwierigen Bishorn (4153 m ), einem Nebengipfel des Weisshorns (4505 m). Allerdings fehlte dort in großen Flächen die Schneeauflage, so dass besser angeseilt gegangen werden musste. Dem freien Blick vom Gipfel stand kaum was im Weg und so waren unzählige 4000er von Monte Rosa, Mischabel, Aletsch-Region bis zum Mt. Blanc-Massiv zu sehen.
Die 2000 Hm Abfahrt folgte der Aufstiegsspur bis zur Hütte und nach dem obligatorischem Espresso weiter auf schier endlosen Gletscherlandschaftendie schließlich in dem engen Tobel „Gässi“ mündeten. Die Felsen rechts und links waren glatt und mit unzähligen Schleifspuren der Gletscher gezeichnet, dazwischen zeigten sich auch Brüche von grünlichem Gletschereis. Dazwischen wie in einer Halfpipe zu carven war ein echter Hochgenuss!
Die malerisch gelegene Turtmannhütte hatte dank Materialseilbahn dann Kulinarisches zu bieten – wie in der Schweiz üblich auch als vegetarische Variante. Hüttengehilfe Viktor musste zur Wassergewinnung allerdings dafür Schnee in ein Edelstahl-Regal schaufeln, so dass es mit Sonnenhilfe schmilzt und einen Tank in der Hütte speist.

Der vermeintlich einfache Hüttenabstieg ging in 9h über 4 Jöcher und über das vergletscherte Wasuhorn (3243 m). Schon die Pipjiücke steilte unmerklich auf, so dass in prekärer Lage die Skiausrüstung am Rucksack verstaut und Steigeisen angelegt werden mussten. Die bestehenden Spuren waren dabei nur 150 m vom (unsichtbaren) Idealweg entfernt gewesen. Bei schlechten Sichtbedingungen wäre das kaum zu finden gewesen. Auch das Jungtaljoch konnte nur mit Steigeisen erreicht werden.
Zum Tourenende wurde im Gebirgsdorf Jungen der öffentliche Nahverkehr in Form einer Ruf-Seilbahn zur inzwischen schneefreien Talfahrt genutzt.

In der Autobahn-Raststation gab es dann dank Bewegungssensor automatisch das erste Mal Wasser zum Hände- und Gesicht waschen - vor einer Woche hatte das noch keiner so wertgeschätzt.

Text: Jan Kürschner; Bilder: Jan Kürschner und Wolfgang Wening